1200 Jahre Scheessel 2005 - eine Gemeinde macht mobil
Schirmherr Ministerpräsident Christian Wulff

Hauptziel der Festlichkeiten

Es wird in erster Linie ein Fest sein, das Bürgerinnen und Bürger für ihre Mitmenschen gestalten mit dem Ziel, dass sich möglichst alle Menschen in der Gemeinde mit diesem Ereignis identifizieren, gern mitfeiern, und so ein WIR-Gefühl entsteht. Ganz viele Besucher/innen der Region und weit darüber hinaus sollen mit den Scheeßelern feiern und schöne Erinnerungen mit nach Hause nehmen.

Das Organisationskomitee und die sechs Arbeitsgruppen arbeiten sehr motiviert und haben inzwischen eine hohe Zustimmung zu den Planungen erhalten.

Zahlreiche schöne, kreative und auch umsetzbare Programmvorschläge und Beiträge wurden gemacht von einzelnen Bürgern/innen, aber vor allem von vielen Vereinen, Gruppen, Organisationen und Institutionen.

Es hat sich dadurch ein ungewöhnlich breiter Beteiligungsprozeß entwickelt, den man ohne Übertreibung als einmalige Bürgerinitiative bezeichnen kann. Viele Menschen haben Lust auf Jubiläum.

Dieses Miteinander von Menschen ist von unschätzbarem Wert für unser Gemeinwesen. Bürgerinnen und Bürger identifizieren sich stärker als bisher mit ihrer Gemeinde und bewirken ein positives Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit und in den Medien.

Ein hoher Aufmerksamskeit bedeutet einen großen Imagegewinn für die Gemeinde.
Jubiläum tut Scheeßel gut!

1200-jährige Geschichte Scheessels - ein Überblick

Die Besiedlung des Raumes Scheessel reicht weit in die Vorgeschichte zurück. Steinzeitliche Gräber, die innerhalb der Gemeinde liegen, legen Zeugnis davon ab. Urkundlich wird ein Ort "Schesla" zusammen mit Bardowik, Magdeburg und Erfurt 805 im Diedenhofener Kapitular Karl des Großen erwähnt. Ob es sich bei diesem Ort um das heutige Scheessel handelt, ist wissenschaftlich umstritten. Weder die Befürworter noch die Gegner, die Schezla eher im Raum Hitzacker/Dannenberg suchen und den Namen mit dem Fluss Jeetzel in Verbindung bringen, haben bisher nachprüfbare Belege anführen können. Die Scheesseler verweisen für sich zum einen auf eine Verdener Bischofsurkunde aus dem Jahre 1205, in der von Scheessel als "scesle" die Rede ist, und zum anderen darauf, dass Scheessel im Mittelalter nachweislich ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt gewesen sei, weil hier die Wümme in drei Furten überquert werden konnte.

Gesichert ist, dass Scheessel 1205 als Archidiakonat und noch im 13. Jahrhundert als Gografschaft des Bistums Verden genannt wird. Weitere wesentliche Nachrichten aus dem Mittelalter gibt es nicht.

Spät erst setzt sich nach 1567 unter Bischof Eberhard von Holle die Reformation in unserer Region durch. Die Rekatholisierungsversuche während des 30jährigen Krieges sind vergeblich. Scheessel ist bis heute fast rein protestantisch. Von kriegerischen Auseinandersetzungen und Seuchen, die ganze Landstriche Deutschlands verwüsteten und entvölkerten, blieb unsere Heimat fast völlig verschont.1626 allerdings brannten Kirche, Pfarrhaus, Mühle und einige Häuser ab.

Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 gingen die Herzogtümer Bremen und Verden und damit Scheessel an Schweden und verblieben dort, bis sie im Nordischen Krieg, nach einer kurzen dänischen Herrschaft, im Jahre 1719 an das Kurfürstentum Hannover fielen, das sich bereits seit 1714 in Personalunion mit Großbritannien befand. So war der oberste Landesherr der Scheesseler Bevölkerung bis 1837 der König von Großbritannien.

Stärker als der 30jährige zog der Siebenjährige Krieg unsere Region in Mitleidenschaft. Marodierende französische Truppen waren dafür verantwortlich. Der Rotenburger Amtmann von Haerlem fasst die Folgen 1757 für die Bevölkerung so zusammen: "Es sind die hiesigen Amtsunterthanen auf viele Jahre totaliter ruinieret."

Nach 50 Jahren Frieden sind es erneut die Franzosen, die unter Napoleon die Verhältnisse nicht nur bei uns, sondern in ganz Deutschland und Europa kräftig durcheinander bringen. Von 1810 - 1813 gehört Scheessel im Kanton Tostedt zum Departement Elbemündung und ist damit Teil Frankreichs. Die Aufzeichnungen Pastor Ungewitters vermitteln ein anschauliches Bild dieser bewegten Zeit, in der auch die Trasse für die heutige B 75 durch Napoleon gelegt wurde.

Auf dem Wiener Kongress 1814/15 werden die territorialen Verhältnisse Deutschlands und Europas nach dem Sieg über Napoleon neu geordnet. Scheessel wird Teil des wiederhergestellten Kurfürstentums Hannover, das zum Königreich Hannover aufgewertet wird. Umfangreiche soziale und wirtschaftliche Veränderungen vollziehen sich in den nächsten Jahrzehnten: Gewerbefreiheit, Gemeinheitsteilungen, Verkoppelungen und die endgültige Ablösung grundherrlicher Pflichten sind die Stichworte.

1866 wird das Königreich Hannover nach dem preußisch-österreichischen Krieg, in dem Hannover auf österreichischer Seite kämpfte, preußische Provinz. Scheessel wird erfasst von der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung des Deutschen Kaiserreiches. 1874 wird es an die Bahnlinie Hamburg-Bremen angeschlossen, 1876 gründen Scheesseler Bürger eine bis heute bestehende Sparkasse, Ende des Jahrhunderts schließen sich die Bauern zu einer Molkereigenossenschaft zusammen. Weitsichtige Scheesseler Bürger erkennen aber auch, dass rasche wirtschaftliche Veränderungen gewachsene Traditionen gefährden können. Trachtenfeste (1904) und Heimatverein (1905) verdanken sich dieser Erkenntnis.

Nach dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik ist es in Scheessel so wie andernorts auch: Die Menschen tun sich schwer mit der demokratischen Staatsform, die ihnen fremd ist und die ihnen wirtschaftlich schwerere Zeiten als im Kaiserreich bringen. Bereits in den Juliwahlen 1932 ist die NSDAP im Kirchspiel Scheessel die mit Abstand stärkste Partei. Die Machtergreifung der Nazis vollzieht sich problemlos, das Leben in Scheessel wird gleichgeschaltet. Ein anschauliches Bild dieser Zeit vermittelt Volksschulrektor Karl Borchers, in der von ihm zu führenden Schulchronik.

Der Zweite Weltkrieg hat Scheessel und seine Dörfer weitestgehend verschont. Nur in Wohlsdorf gab es im April 1945 heftige Kämpfe, die zahlreiche Höfe in Mitleidenschaft zogen. Die Veränderungen durch den Krieg spürte die bäuerliche Bevölkerung, wenn man von den vielen gefallenen Männern und Söhnen absieht, im Grunde genommen erst nach dem Krieg, denn genug zu essen gab es in der Regel. Mit Ende des Krieges und danach aber verdoppelte sich die Bevölkerungszahl durch Flüchtlinge aus den Ostgebieten und Aus-gebombte aus großen Städten.

Was kennzeichnet die Entwicklung Scheessels in der Bundesrepublik Deutschland? Zahlreiche Neubürger waren und sind bis heute zu integrieren. Das lief und läuft auch heute nicht immer problemlos. Nach dem Krieg waren es die Menschen aus den Ostgebieten, später Flüchtlinge aus der DDR und Deutsche aus der ehemaligen Sowjetunion, permanent sind es Zugezogene aus den benachbarten Großstädten. Scheessel ist bis heute ein Ort, dessen Bevölkerungszahl wächst. Sollen sich die Menschen wohl fühlen in Scheessel, dann bedarf es einer attraktiven Infrastruktur. Mit Grund-, Haupt- und Realschule sowie dem 1947 von Bürgern Scheessels gegründeten privaten Gymnasium Eichenschule werden alle allgemeinbildenden Schulen vorgehalten. Freibad, Sporthallen und ein schmuckes Stadion bieten vielseitige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und der sportlichen Betätigung. Der Eichenring ist Anziehungspunkt für Motorradfans und für zehntausende junger Leute zum jährlichen Hurricane Open Air.

Trotz der Bemühungen der Gemeinde Scheessel, Gewerbe und Industrie anzusiedeln, können Arbeitsplätze innerhalb der Gemeinde nicht in ausreichender Zahl vorgehalten werden. Viele Bürger pendeln dank der günstigen Verkehrsanbindung Scheessels problemlos nach Rotenburg, Hamburg und Bremen. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger örtliche Identitäten zu pflegen, damit Scheessel nicht zu einer Schlafstadt wird. Deshalb ist die Tätigkeit der Vereine, das schulische Leben, sind die Trachtenfeste, die Kulturinitiative publikum scheessel, das Kunstgewerbehaus, das Heimatmuseum oder die Kirche von zentraler Bedeutung für die Lebensqualität in Scheessel.

Verwaltungsmäßig ist Scheessel seit 1974 eine Einheitsgemeinde, zu der der Kernort Scheessel und zehn weitere Ortschaften zählen. Seit 2001 steht eine hauptamtliche Bürgermeisterin an der Spitze der Verwaltung und ist Repräsentantin unserer Gemeinde. Zusammen mit dem Rat ist sie zuständig für die Belange der Gemeinde.

(Verfasser Dr. Carsten Müller-Scheeßel)

Textauszug aus dem Diedenhofener Kapitular

a) in der handschriftlichen, lateinischen Urfassung



b) in der lateinischen Druckfassung
De negotioatoribus qui partibus Slavorum et Avarorum pergunt quousque procedere cum suis negotiis debeant, id est partibus Saxoniae usque ad Bardenuwich, ubi praevideat Hredi; et ad Skaesla ubi Madalgaudus praevideat; ad Magadoburg praevideat Hatto. Ad Erpisfurt Madalgaudus. Ad Halazstad praevideat Maladgaudus. Ad Foracheim, ad Breemberg et ad Ragenisburg Audulfus et ad Lauriacum Wamarius. Et ut arma et brunias non ducant ad venundandum. Quod si inventi fuerint portantes omnis substantia eorum auferatur ab eis, dimidia quidem pars partibus palacii, alia vero medietas inter iam dictos missos et inventorem dividatur.
Original des am 24.12.805 ausgestellten Kapitulars (2/VII)

c) in der deutschen Übersetzung
Betrifft die Kaufleute, welche ins Gebiet der Slaven und der Avaren reisen wohin sie mit ihren Geschäften [Waren] zu fahren haben, nämlich in Sachsen nach Bardevik wo Hredi nach Schesel, wo Madalgaud, nach Magdeburg, wo Hatto die Aufsicht führt In Erfurt und in Hallstadt hat Madalgaud die Aufsicht, in Forchheim, Premberg und Regensburg Audulfund in Lorch Wernher. Daß sie [Angriffs-] Waffen und Brünnen [Panzer] nicht zum Verkauf ausführen Werden sie mit solchen betroffen, soll ihr ganzer Vorrat beschlagnahmt werden, die eine Hälfte dem Palast [der Krone] zufallen, die andere zwischen den genannten Königsboten und dem Entdecker geteilt werden.